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Dienstag, 27. November 2012

Herr Kollege R., bitte lesen... .

Nachdem wieder mal ein langer Verhandlungstag zu Ende ging, durfte ich noch meine Post abarbeiten.

Und ein paar Emails sichten. Und wieder kommt das Gefühl auf, dass eine langjährige Mandantin in devoter Beugung langsam aber sicher den Boden unter den Füßen verliert. Und nicht nur das, sondern auch deren Bewährung. Aber egal. Die bayrischen Mädels sind halt manchmal akzentuiert.

Übermorgen darf ich dann zu einer Vernehmung in eine hessische Haftanstalt fahren.
Der Mandant sitzt in Haft und ihm wird ein versuchter Totschlag vorgeworfen.

Kommt vor, wenn man sich in den falschen Gegenden rumtreibt und wehrhaft ist.

Jedenfalls hatte die Staatsgewalt es über Wochen nicht geschafft, meinem Vernehmungsersuchen - den Beschuldigten betreffend - zu folgen. Also beantragte ich eine mündliche Haftprüfung, damit dort über Stunden der Sachverhalt geschildert werden kann.

Der Richter war ob des Zeitentzuges begeistert und rief Herrn Oberstaatsanwalt an, warum denn keine Vernehmung durchgeführt werden würde.

Der war der Ansicht, der Mandant sei auf freiem Fuß, der Haftbefehl aufgehoben. ...
Aber die JVA bestätigte mir, dass der Mandant noch sitzt. Man habe gerade sicherheitshalber in der Zelle nachgesehen.

Na ja.
Also gibt Herr Oberstaatsanwalt das an seine Ermittlungsknechte weiter, die schnell eine Vernehmung anberaumen und Frau Richterin mich ruckizucki in einem Telefonat bittet, doch nun den Haftprüfungsantrag zurückgenommen.

Wurde erledigt, denn es geht ja nur um die Einlassung des Angeklagten.

Also vereinbare ich mit den Beamten des Polizeidienstes einen Vernehmungstermin in der JVA.
Sicherheitshalber wurde der Termin noch mal einen Tag später telefonisch bestätigt.

Hierbei erwähnte der ermittelnde Beamte, dass der Nebenklagevertreter auch zur Vernehmung des Beschuldigten kommen werde.

Aha. Wie bitte ?

Nebenklagevertreter ? Schnell die Akte geholt, da ich mir nicht mal im Klaren darüber war, dass die Anklage schon vorliegt, geschweige denn das das Verfahren schon eröffnet worden sei.

Puhh. Ich irre nicht. Wir sind voll im Ermittlungsverfahren. Keine Anklage.

Daher haben wir aber auch keine Nebenklagezulassung und auch keine Nebenklage.

Aber das muss ein Polizeibeamter nicht wissen. Und Herr Anwaltskollege auch nicht. Seis drum.

Das Herr Kollege aber nun mit zur Beschuldigtenvernehmung will, ist bemerkenswert. Es geht nicht um eine richterliche Vernehmung, sondern um eine Vernehmung bei der Polizei.

Und hier hat Herr avisierter Nebenklagevertreter kein Anwesenheitsrecht. Meine ich und meint Herr Kollege Burhoff.

Was nun ?

Soll ich dem Kollegen sagen, dass es keine Vernehmung gibt, wenn er auf seine Anwesenheit beseht ?

Denn eines ist sicher.
Eine Vernehmung in Anwesenheit des - noch gar nicht - Nebenklagevertreters wird es nicht geben, solange ich Verteidiger bin.

Ich habe mich entschlossen. Ich rufe ihn nicht an. Er ist auf meiner Blacklist, da er mir schon mal komisch kam. Das kommt davon.

Ich überrasche ihn dann vor Ort. Sind ja bloß schlappe 200 KM die er zur JVA fahren muss.

Unkollegial ist das nicht, meine ich. Eher Ausnutzen von Unwissenheit. Ist das unkollegial ? Ich meine Nein. Vielleicht irre ich ja auch mit meiner Rechtsansicht... .

Wir werden sehen.

Update:
Wollte Kollegen doch anrufen. Leider geht nur der AB an und ich kann keine Nachricht hinterlassen.
Soll keiner sagen, ich hätte es nicht versucht.

Jetzt bleibt zu hoffen, dass Kollege meinen Blog liest... . 

Update: 
Hatte Rechtsprechung dabei. Kollege liest meinen Blog nicht und hat zwei Stunden vor der Tür gewartet. Bemerkenswert... .