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Donnerstag, 19. Juli 2012

Opfer oder Täter ?

An manchen Tagen weiß ich selber nicht genau, was gewesen war.

Sagt der Mandant die Wahrheit mir gegenüber oder werde auch ich angelogen ?

Na ja. Grundsätzlich gehe ich aus der Erfahrung immer davon aus, dass ich genauso wie Staatsanwälte, Richter und andere Behörden angelogen werden.

Klar, auch von Mandanten.

Die Wahrheit ist halt immer so eine Sache und wenn ich nicht dabei war, muss ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen.

Daher spielt es für mich keine Rolle ob mir jemand sagt "Herr Anwalt, ich sage Ihnen die Wahrheit."

Denn wissen kann ich es nicht, da ich nicht dabei war. So ist das halt. Das hat auch nichts mit Argwohn oder so zu tun, sondern besser ist es immer erst mal skeptisch zu sein.

Immer und Mandanten - Unabhängig.

Die Angeklagte heute war in der Ermittlungsakte zunächst das Opfer eines versuchten Sexualdeliktes.
Nur kannte sie den Täter nicht und konnte diesen daher auch nicht bezeichnen.

Klar, dass die Ermittlungen der Polizei mit einer Sondergruppe auf Hochtouren liefen. Immerhin war es an der Zeit, einen vermeintlich gefährlichen Täter zu finden.

Die Ermittlungen laufen und die eingesetzten Beamten zermürben ihren Ermittlerkopf. Bis immer mehr und mehr Zweifel ob der Geschehnisse auftreten und nachdem zwei kurz festgenommene Täter massiv und vehement deren Unschuld bestätigten.

Also wurde Frau Zeugin genauer befragt ... und siehe da... sie räumt ein, alles nur erfunden zu haben.

Na ja. Jetzt sagt sie, einfach nur Ruhe vor den massiv fragenden Beamten haben zu wollen. Die Tat sei aber wirklich geschehen. Nur der Täter halt nicht bekannt.

Hmmm.
Auch das ist durchaus möglich.

Gerade weil das Mädl noch recht jung ist und von zwei gestandenen Beamten sicherlich recht heftig befragt worden sein könnte und sie keine andere Lösung sah.

Das ist auch gut denkbar, gerade denn auch, da eine Zeugin (Therapeutin aus der Therapieeinrichtung in der die Angeklagte nach der Tat war) überzeugt ist, dass eine posttraumatische Störung vorliegt und das aufgrund der Gesamtauswertung der Schilderungen die Therapeuten davon ausgehen, dass die Tat wirklich geschehen war.

Dann aber wäre sie freizusprechen... .

Was nun, das ist die Frage.

Der Richter scheut keine Aufklärungsrisiken und holt nun Glaubwürdigkeitsgutachten über die Angeklagte ein. ...
Das ist selten notwendig, vorliegend aber auf jeden Fall.

Dann werden wir mal sehen, was das Gutachten ergibt.

Möglich halte ich derzeit beide Varianten und ich bin froh, dass der Richter alles tut um die Sache ordentlich aufzuklären.

Entweder wird ein Opfer rehabilitiert oder eine Täterin wird bestraft werden.