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Dienstag, 21. Juni 2011

Die Zeugin und die Puppe

Es ging mal wieder um Bedrohung, Freiheitsberaubung und was so dazu gehört.
An einem Amtsgericht.

Der Angeklagte jedenfalls bestreitet die Tat.
"Nein. Die Zeugin würde Unsinn erzählen. Die hat sie doch nicht alle".

Die Zeugin... .

Ok.

Es lag auf der Hand, dass die Zeugin aus einem Fenster ohne Vorwarnung sprang und dies sogar noch überlebte.
Das steht fest.

Doch ein Zeuge bekundete, dass die Zeugin völlig ohne Vorwarnung aus dem Fenster gesprungen sei.
"Die hat sie doch nicht alle", so der Wortlaut des Zeugen.

Die Zeugin.
Eine junge Dame, Ende 20.
Auffällig schmal, zierlich, klein. Auffällig unauffällig. Aber doch die Kronzeugin der Anklage.
Denn sonst gibt es keine Zeugen, außer eben die Zeugen, die entlastend sagen, dass die einfach "so" aus dem Fenster gesprungen war, ohne Grund und Vorwarnung. Aber entlastende Aussagen zählen nicht, also weiter:

Zeugen wurden gehört, die eben über die Zeugin berichten.
Und das war nicht uninteressant. So erzählten mehrere Zeugen davon, dass die Zeugin recht auffällig sei und "nicht ganz dicht".
Warum, wurde gefragt. "Na, weil die Bekloppte immer ihre Puppe dabei hat und mit ihr spricht". Aha. Die Zeugin spricht mit ihrer Puppe ? "Ja, den ganzen Tag. Die gibt ihr sogar die Brust!". Aha.


freies Foto, nicht von der Puppe der Zeugin ! Aber so stelle ich mir die Puppe vor. 


Dies ist in der Tat (zumindest aus Verteidigersicht) ungewöhnlich.
Und das die Zeugin dann die Kronzeugin ist, macht es nicht besser.

Aber "Hey". Gott sei Dank haben wir ja in der Zeugenvernahme die Sachverständige der Rechtsmedizin zur Frage des Vorliegens der Voraussetzungen von §§ 64, 66 STGB bei der Zeugenvernahme dabei gehabt.

Und diese gab der Verteidigung zu verstehen, dass eine nähere, sachverständige Untersuchung der Zeugin in Hinblick auf deren Glaubwürdigkeit und Glaubhaftigkeit deren Bekundung vor Gericht mit Sicherheit angezeigt sei. 


Also schnell ein paar Beweisanträge gestellt und Frau Sachverständige als Zeugin benannt.
In deren Einverständnis, versteht sich.

Aber siehe da:
Der Richter sah seine "Sachkunde aus Erfahrung" so hoch an, dass er weder ein Sachverständigengutachten, noch eine sachverständige Zeugin (nämlich die Gutachterin) bräuchte.

Aha. 
Selbst Herr Staatsanwalt war erstaunt, meinte dieser doch (zu Recht), dass die Sachverständige gehört werden möge, denn sie war ja dabei und wäre anwesend. Also kein großes Problem.

Aber die Sachkunde des Gerichts reicht völlig mit der Folge, dass selbst Frau Sachverständige offenbar mit massiven "Fragezeichen" auf der Stirn nach Erstattung des §§ 64, 66 STGB Gutachtens nach Hause ging.

Ich meine auch ein Kopfschütteln bei der Sachverständigen gesehen zu haben.

Und wir haben wieder mal gelernt, dass Richter offenbar auch ärztlich, psychologische Fragen mit Bravour und Selbstsicherheit beantworten und einschätzen können.

Das ist doch super.
Das wir so tolle Richter haben, die sogar in Sachen Psychologie Fachkompentenzen aufweisen.

Das zeigt mir, wie unzulänglich ich doch bin. ... 

Danke, für die Lehrstunde im Fachgebiet angewendetes Recht.

Ich vergaß:
Wie ich höre, soll der Puppe auch nichts passiert sein bzw. den Sturz gut überlebt haben.